Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen!

Am Mittwoch, den 12. Juni 2019 machten sich 25 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 mit zwei Lehrerinnen nach einem Jahr intensiver Vorbereitung auf die Reise zu einer Studienfahrt nach Bremen.
Schon im Zug ab Viersen wurde viel geredet und gelacht. Die Stimmung war von Beginn an angenehm, produktiv und harmonisch.

Die Studienfahrt wurde aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ finanziert, wofür wir uns recht herzlich bedanken!

Begeisterung übermannte die Teilnehmer bei der Ankunft im A&O-Hostel am Bremer Hauptbahnhof, welches nur 800m vom Bahnhof entfernt liegt und fußläufig zu erreichen ist und wir somit nicht weit laufen mussten. Die Zimmerbelegung wurde neu gewürfelt und das erste Klamotten-Chaos in den 3er bis 4er Zimmern verbreitet. „Orientierisch“ wusste aber jeder bald, wo sein Zimmer war.

Nach der Inspektion der Unterkunft machten wir uns bereit für die Stadtbesichtigung mit dem Themenschwerpunkt „Bremen unterm Hakenkreuz“, die am „Bremer Roland“ begann. Natürlich erst nachdem wir das ein oder anderen Gruppenfoto der gesamten Gruppe z.B. an den Bremer Stadtmusikanten gemacht hatten und die Bremer Bonbonmanufaktur heimsuchten.
Wir besuchten dann mit unserem Guide Thomas bei aufklarendem Himmel die historischen Straßen und Denkmäler Bremens, die geschichtlich bedeutsam sind.
Den meisten von uns ging jedoch auch in diesem Jahr die Frage durch den Kopf, ob dieser Herr eventuell Verwandtschaft am Niederrhein haben könnte.

Wir erfuhren,
dass der „Roland“ mal eingemauert war um ihn vor Bomben zu schützen,
dass die letzte öffentliche Tötung 1838 auf dem Marktplatz stattfand,
dass der Spuckstein dort auch eine kleine Geschichte der NS-Zeit Bremens erzählt,
dass bei Grabungen Reste der alten Synagoge gefunden wurden, die wir auch besichtigten,
dass diese nun als Gedenkstätte für die Massentötung dient,
dass diese in der Reichspogromnacht am 8. November 1938 niedergebrannt wurde,
dass die 100m lange Böttcher-Straße für entartete Kunst steht und Ludwig Roselius (1874-1943) zu verdanken ist,
dass die Nationalsozialisten die 10 Gebote am alten Rathaus „entfernt“ hatten, weil sie nicht in ihre Ideologie passten.

Erstaunlich war, wie die Ideologie der Nazis all diese Bilder vernichtete, veränderte bzw. auch vollständig anders interpretierte.

Voller erster Eindrücke gingen wir essen und gemeinsam durch einen kleinen Teil von Bremen zurück zum Hostel mit der Erkenntnis: „Du musst süß sein, aber nicht zu süß!“. Oder auch: Das Ordnungsamt gibt es auch in Bremen.

Am Donnerstag hieß es früh aufstehen und nach dem Frühstück fuhren wir mit Bus und Bahn zum Gedenkort „Bunker Valentin“. Dort erwartete uns ein 5-stündiger Workshop mit Führung.
Der Bunker ist 400m lang und 90m breit und wurde innerhalb von knapp zwei Jahren ab 1943 durch ca. 8.000 Zwangsarbeiter gebaut, aber nie fertig gestellt. In Teilen ist allein die Decke 7m dick.
Hier im Bunker sollte das erste richtige U-Boot in Massenproduktion gebaut werden, aber die Alliierten beobachteten den Bau des Bunkers durch Luftaufnahmen genauestens und bombardierten 1945 den noch nicht fertig gestellten Teil. Dadurch ist dort auch die Decke einsturzgefährdet und man sieht die Löcher, die die Bomben der Alliierten verursacht haben.
Im Rahmen des Workshops schauten wir uns Bilder an, die analysiert und interpretiert wurden und einzelne Biografien, die Einzelschicksale genauer beleuchteten, erarbeiteten wir in Kleingruppen.

Abends wartete auf die Schülerinnen und Schüler eine „Überraschung“. Alle waren ganz gespannt und rätselten schon den ganzen Tag, was sie erwarten würde. Die Ideen waren vielfältig: Aussichtsplattform, Museum, Zoo, etc.
Mit der Bahn fuhren wir dann zum Mystery-House, einem Exit-Game. Dort spielten wir in kleinen gemischten Gruppen mit fünf Personen je einen der Räume. Das gemeinsame Knobeln und die Teamfähigkeit wurden hier auf eine große Probe gestellt und noch bis tief in die Nacht wurden die Vorgehensweise und die Rätsel im Hostel erörtert. Dort endete dieser Tag in der Lobby bei intensiven Gesprächen über das Erlebte und auch einem regen Austausch im Bereich „Storytime“. Einige Schüler fanden wenig bis keinen Schlaf in dieser Nacht und freuten sich über den heißen Kakao von dem „Lobbyisten“ um halb vier nachts.

Am Freitag fuhren wir dann morgens um 8.00 Uhr mit dem Bus nach Bergen-Belsen, um uns das Konzentrationslager anzusehen.
Dort bekamen wir zunächst am Modell einen Eindruck, wie groß das Gelände damals gewesen ist und wie es aufgeteilt war. Unser Guide beantwortete all unsere Fragen ausführlich und kompetent.
Viele erschreckende Details wurden uns im Filmturm näher gebracht, wo wir kurze Filme von den Tagen nach der Befreiung des Konzentrationslagers und den Bestattungen zu sehen bekamen. 1945, als das Lager befreit wurde, fanden die Engländer dort 53.000 „lebende Leichen“.
Im Workshop beschäftigten wir uns dann mit zwei Postkarten, die Inhaftierte damals an Familienmitglieder geschickt haben und deren Geschichten.

Der Rundgang über das Gelände begann mit den noch erhaltenen Fragmenten von Gebäuden, die nur durch Gestrüpp zu erreichen sind. An den ehemaligen Sanitäreinrichtungen war unser Guide sehr informativ und erklärte auch, dass die Kinder damals als Spiel gerne über die Mauern pinkelte.
Weiter besuchten wir neben den Gedenktafeln für die Massengräber und einzelnen personalisierten Gedenktafeln auch Mahnmale in verschiedenster Form für russische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, jüdische Menschen und viele weitere Opfergruppierungen, die dort inhaftiert waren. Das Haus der Stille war für viele beeindruckend.
Die weitere Zeit konnte jeder Schüler individuell nutzen um sich die Ausstellung anzusehen.

Den Besuch in Bergen-Belsen wird wohl keiner von uns je vergessen.
„Wir kamen als 10. Klässler mit Interesse und gingen mit gutem und dennoch grausamen Wissen, das wir niemals hergeben können und wollen, weil es wichtig ist, diese grausame Geschichte nicht zu vergessen und vor allem unbedingt mit jedem Unwissenden zu teilen.“

Zurück in Bremen gingen wir alle gemeinsam in der Stadt Burger essen und ließen den Abend gemeinsam ausklingen, in dem wir das Festival der Kleinkunst „La Strada“ besuchten und diesen kostenfreien kulturellen Höhepunkt noch genossen.

Als Resümee kann man zusammenfassen, dass wir dort sehr viel gelernt haben und eine solche Fahrt jedem Schüler an Herz gelegt werden sollte. „Wir fanden die Kursfahrt sehr lustig und hatten viel Spaß mit Ihnen! Es war lehrreich und interessant! Wir erhielten viel Einblick in die damalige Zeit des Nationalsozialismus und wir haben in diesen Tagen mehr Wissen dazu gewonnen als im theoretischen Geschichtsunterricht der letzten Jahre.“

Wir bedanken uns bei den tollen Schülerinnen und Schülern, die mit großem Interesse, einer gehörigen Portion Neugier und vorbildhaftem Verhalten diese Fahrt zu einer weiteren ganz besonderen gemacht haben.

Ein herzlicher Dank geht auch an den Förderverein der JKS und an das Bundesprojekt „Demokratie leben!“ für die finanzielle Unterstützung der zweiten Studienfahrt.

Text und Fotos: S. Heks und A. Arendt

Impressionen der "Gedenkstätten und Erinnerungskultur - Fahrt 2019"