„Die Angst frisst die Seele“

An einem zunächst sonnigen Freitag, den 18. November 2022 machten sich 25 Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse auf, um eine Gedenkstätte in Belgien – das Fort Breendonk – zu besichtigen. Begleitet wurden sie von Frau Hellekes-Heks, der Lehramtsanwärterin Frau Wassermann und Herrn Strutz vom Hubert-Vootz-Haus in Viersen, der diese Fahrt auch in diesem Jahr organisiert und geplant hat.

Die Gräueltaten des Naziregimes sind auch an Belgien nicht spurlos vorbeigezogen. Das Fort Breendonk ist dafür ein bewegendes und beeindruckendes Beispiel als eines der besterhaltenen Auffanglager in Europa. Vor Ort angekommen, erfuhren wir von unserem Guide, dass in Breendonk während des 2. Weltkrieges über 3.000 Gefangene schwer misshandelt, zu körperlich schwerster Zwangsarbeit missbraucht und teilweise ermordet wurden. „Breendonk ist die Hölle und ich bin der Teufel“ – dies äußerte der belgische SS-Mann Ferdinand Wyss während seiner Zeit vor Ort. Das riesige Gelände, das ursprünglich der belgischen Armee diente, hat den 1. Weltkrieg (1914-1918) fast unbeschadet überstanden.

Die freiwilligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Fahrt wurden von Michel, einem deutsch sprechenden Guide und ehemaligen Soldaten, in Form eines Rollenspiels durch diese Gedenkstätte geführt. Er spielte den SS-Mann und wir waren die ankommenden Gefangenen an den ersten beiden Tagen in Breendonk. So erfuhren wir, was bei der Ankunft mit uns im Jahre 1942 geschehen würde – stundenlanges „Strammstehen“ und stumm auf eine Wand blicken, massive Prügel schon im Eingangsbereich. Auch wurden uns hier die vier Säulen erläutert, die uns Gefangenen in der Zeit in Breendonk brechen würden: (Todes-)Angst, Hunger, Hygiene und Arbeit.

Nach der Ankunft wurden wir zum Appellplatz geführt, an dem wir auch in der Kleiderkammer unsere Bekleidung gegen die Gefangenenuniformen hätten tauschen müssen, die nur mit Nummer versehen und in der falschen Größe ausgehändigt wurden. Hier nahm man den Menschen ihre Identität und sie waren nur noch „Stückware“. Die „schicken“ SS- und Wehrmachtsuniformen der Deutschen jedoch wurden von Hugo Boss entworfen und sind dort auch ausgestellt. In diesem Innenhof war auch die französische Toilette, die wir nach Aufforderung für eine Minute morgens nutzen mussten im Jahre 1942 – natürlich ohne Toilettenpapier und fließendes Wasser.

Er zeigte uns auch die führenden Persönlichkeiten der deutschen SS und der später folgenden belgischen Lagerleitung inklusive des abgerichteten Schäferhundes Lump, der die Insassen biss und zerfleischte. Aber der deutsche Lagerarzt Arthur Prauss konnte ihnen gar nicht helfen, da er gar kein Arzt war – sondern Metzger und Analphabet. Er war auch zuständig für den Sport am arbeitsfreien Sonntag und wer nun wissen möchte, was die Laubfroschübung ist, fragt bitte einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin. Vor Ort sahen wir die Schlafsäle mit 12 Stockbetten für mehr als 48 Insassen, in denen auch gegessen wurde und nachts in einem Kohleeimer die Notdurft verrichtet werden musste in totaler Finsternis. Was regelmäßig mit diesem Fäkalieneimer geschah, kann sich bitte jeder selbst ausmalen. Es folgte die Folterkammer mit samt ihrer Folterwerkzeuge, die nur 2qm kleinen Einzelzellen für Frauen und politische Gefangene und das weitläufige Gelände des Gefängnisses inklusive der Hinrichtungsstätten. In dem Speisesaal der SS sieht man noch das gut erhaltene Hakenkreuz und Zitate an der Wand – in diesem Raum wurden auch Wetten wie z.B. für die kreativste Tötungsmethode am nächsten Tag abgeschlossen, die meist „eine Flasche Cognac für ein Menschenleben“ beinhaltete. Darüber hinaus befindet sich außen ein Zugabteil eines Deportationszuges im Original, in welchem 70-100 Menschen über 4 Tage von Breendonk nach Auschwitz (Polen) deportiert wurden.

Insgesamt starben über 300 Menschen in Breendonk.

Die Themen Mord, Folter und Misshandlung stellen die Menschen allerdings auch in der heutigen Zeit vor große Herausforderungen. Michel gab uns deshalb am Ende des Rundgangs eine wichtige Botschaft mit auf den Weg, den ersten Artikel des Grundgesetzes in die Realität umzusetzen.

Auf der Rückfahrt erfuhren die 14-16jährigen Schülerinnen und Schüler von einer Geschichte der drei mutigen Jugendlichen mit der roten Laterne, die einen Überfall auf den Transport Nummer 20 von Breendonk nach Auschwitz wagten, womit sie 115 Menschen das Leben retteten u.a. Paul Spiegel, dem ehemaligen Präsident des Zentralrates der Juden. „Der Tag war sehr informativ, es war toll einen solchen historischen Einblick zu erhalten und am erschreckendsten waren die hygienischen Zustände für die immer kranker und kraftloser werdenden Insassen“ – dieser Satz spiegelt die Meinung der meisten wieder. Zusammenfassend hat sich die Fahrt für die Jugendlichen mal wieder sehr gelohnt.

Wir wünschen uns eine Wiederholung im kommenden Jahr 2023.

Eindrücke aus dem Fort Breendonk

Text und Fotos: S. Hellekes-Heks